„Do you know Abilov Street?“

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…oder eine unvergessliche Länderspieltour

03.06.2011

Auf geht es nach Wien, wo zum gefühlten 50. Mal Deutschland einen klaren Sieg gegen die Nachbarn aus Österreich einfahren sollte. Dank Europa-Spezial und Fan-Bahncard konnte unsere 3-köpfige Gruppe relativ günstig im bequemen ICE von Nürnberg nach Wien düsen.

Geplant war eigentlich eine Mitfahrgelegenheit bei einer Studentin aus Wien, die aber unsere Reiseplanungen verschreckt haben müssen, so das sie sich nicht mehr meldete.

Aber egal.

Die Ticketvergabe des ÖFB lies ja alle möglichen Spekulationen über den geplanten Kartenkauf zu, aber als wir schon im Zug ein Ticket zum Originalpreis erstanden haben waren wir guter Dinge.

In Wien angekommen machten wir uns auf zum Wombat-Hostel, das fest in deutscher Hand durch Frankfurt, Köln und andere kleinere deutschen Truppen war.

Mit den anderen Bewohnern machte man sich auf zum Prater.

Über die Ereignisse dort brauche ich nicht viel zu sagen, das haben die Ösi-Medien ja schon alles ausgelutscht.

Am Stadion konnten wir noch die restlichen Tickets besorgen. Natürlich zum Originalpreis versteht sich. Diese waren aber für die Haupttribüne, so dass beide Fanlager beobachtet werden konnten.

Der deutsche Block war eher selten zu vernehmen, Highlight war hier noch das Bengalo zum Pausenpfiff.

Die Kurve der Ösis hat sich in den letzten Jahren gut entwickelt, das Interesse war ja schon mal am Tiefpunkt angelangt, aber anscheinend ist die Nationalmannschaft gerade wieder „in“.

Nach dem Spiel verstreute sich der deutsche Mob ziemlich schnell, was wohl auch an der hohen Zahl von Festnahmen am Schwedenplatz lag.

Also ab ins Hostel und da die Bar zusammen mit den Kölnern geleert.

04.06.2011

Bei den meisten Deutschen die noch in Wien waren stand heute das Quali-Spiel Slowakei-Andorra auf dem Plan. Zum einen wegen der moderaten Preise in Bratislava und zum anderen weil die Weiterflüge nach Baku erst am 05. oder 06. gingen.

Nach einer Reise in die Vergangenheit durch schlechte Straßen und Plattenbauten in der slowakischen Hauptstadt musste natürlich noch das alte Nationalstadion besichtigt werden.

Auf was genau die Behörden hier warten ist mir nicht klar, aber es sieht spannend aus wie sich die Natur durch so ein Bauwerk zurück kämpft.

Wie auch schon in Wien am Vortag dürfte natürlich ein kräftiger Regenschauer vor dem Spiel nicht fehlen.

Das Spiel selber war echt grausam, die Slowaken foulten nach Leibeskräften und Andorra schauspielerte sich einen ab.

Wir befürchteten schon dass die Slowaken ihren Frust mangels Gästen an den deutschen Hoppern auslassen würden, als endlich das 1:0 durch Karhan fiel.

Da es wieder anfing zu regnen, machten wir uns auf zum Bahnhof um noch eine leckere Kolbasa und Pivo für die Rückfahrt zu besorgen.

05.06.2011

Nachdem man eigentlich lange schlafen wollte ( schon wieder Hostel-Bar + Köln ) wurde die Ruhe aber recht früh durch Tumulte und Böller vor dem Hostel beendet. Nach einem Blick nach unten war klar:

Frankfurt reist ab.

Also packten auch wir unsere sieben Sachen und starteten vom Airport Schwechat nach Riga um da unsere 8 Stunden Aufenthalt zu genießen. Wer bei so viel Zeit auf einer Flughafenbank schläft ist selbst schuld, da ja allgemein bekannt ist das in Lettland schöne Frauen gezüchtet werden.

Also per Taxi ins Zentrum und gebummelt, gegessen und im Hotel Latvija die „Sky Bar“ mit ihrem einmaligen Ausblicken genossen.

06.06.2011

Nach ein paar Stunden Schlaf im Flieger stieg dann die Spannung. Landeanflug auf Baku!

Eine imposante Flotte von alten Iljuschin auf dem Rollfeld gab schon mal grob die Richtung vor und als man bei den Schalterbeamten sehen konnte wie sich Menschen in Extremzeitlupe bewegen war klar das hier die Uhren anders ticken.

Vor dem Flughafen wartete eine Meute von Taxifahrern die sich um die wenigen Passagiere stritten um so viel wie möglich aus ihnen heraus zu quetschen. Damit war schon mal eine der größten Plagen in diesem Land gesichtet:

Die „Taximafia“.

Nun stellten wir eine Frage die uns die nächsten Tage begleiten sollte:

„ Do you know Abilov Street?“

Dort war unser Hostel, eines von dreien in Baku, und natürlich kannte der Taxifahrer die Straße nicht.

Wie auch, in dieser Gegend gab es weder Schilder noch Hausnummern.

Mit Hilfe einer ausgedruckten Karte fanden wir dann zwar die Straße aber nicht das Hostel.

Also ins nächste Taxi und Richtung Innenstadt, durchgefragt, wieder ins Taxi und zurück zur ersten Station.

Das kuriose an den Taxifahrern in Baku ist das sie immer Vollgas fahren, 150Km/h sind keine Seltenheit, und statt den gezeigten Telefonnummern von der Unterkunft immer jemand anderes anrufen.

Irgendwann standen wir dann doch in einem Gebäude das dem Bild im Internet sehr ähnlich war.

Aber wo waren Rezeption, W-Lan, Frühstücksraum und Zimmerschlüssel?

Egal, wir waren kaputt und mussten schlafen, also ab in ein freies Bett und Augen zu. Nach etwas Ruhe trafen wir im Gebäude noch einen Chemnitzer und einen Backpacker aus Österreich.

Nach Abwägung aller Fakten kamen wir zu dem Entschluss das dies ein normales Wohnhaus war, jemand die Besitzer ermordet hatte, in diesem offensichtlichem Problemviertel nie Polizei vorbeikam, darum also als logische Konsequenz ein illegales Hostel eröffnet wurde. Hätten wir nicht anders gemacht, also alle zufrieden…

Später stellte sich heraus dass wir in den meisten Punkten recht hatten.

Auf Grund von Riesenhunger und Neugier auf Baku beschlossen wir mit dem Bus in die Stadt zu fahren.

Das Busfahren in Aserbaidschan ist denkbar einfach: Eine Richtung aussuchen – an die Straße stellen – Bus hält an – einsteigen. Bezahlt wird beim aussteigen. Da wir die üblichen Preise nicht kannten beobachteten wir was die Einheimischen so gaben und legten für 5 Personen insgesamt einen Euro hin.

Damit lagen wir genau richtig, egal ob Bus oder Metro und egal wie lang die Strecke ist, mit 20 Cent ist Mann/Frau dabei.

Ab da benutzten wir Taxis nur noch im absoluten Notfall, also jeden Morgen um fünf wenn wir total voll ins Bett wollten. Selbst dann verhandelten wir noch wie die Weltmeister und stiegen auch schon mal mit fünf oder sechs Leuten ein um Geld zu sparen.

Am ersten Tag machten wir natürlich auch noch den Fehler uns in ein Touri-Restaurant locken zu lassen wo man für Essen 7€ und für Bier 3€ bezahlte. Die Landeswährung heißt übrigens Manat, aber da der Kurs etwa 1:1 ist bleibe ich bei Euro.

Die gehobene Gesellschaft trinkt hier türkisches „Efes“ obwohl das einheimische „Xirdalan“ um Längen besser schmeckt und viel günstiger ist.

Damit wären wir schon beim Thema. Im Stadion sollte um 21:00 öffentliches Training der Deutschen sein, also ab in die Metro und los. Die Gegend ums Stadion kann man schon als unteres Niveau bezeichnen, was aber auch heißt das sich die Preise hier extrem ändern.

Wir sprachen 2 einheimische Mädchen an die Deutschland-Trikots trugen und zu unserem Erstaunen auch noch deutsch sprachen. Diese beiden sollten sich als absoluter Glücksgriff herausstellen, da sie uns die Möglichkeit gaben Aserbaidschan auf ganz normalen Wege ohne Abzocke oder ständiger Kontrolle kennenzulernen.

Inzwischen hatten wir nämlich die 2. der großen Seuchen in diesem Land kennengelernt:

Die Polizei!

Aserbaidschan hat für so ein kleines Land einen riesigen Sicherheitsapparat mit Armee, Polizei und allgegenwärtigen Sicherheitsleuten. Teilweise lungern an Tankstellen oder Kreuzungen bis zu vier „Beamte“ herum, nur um Leute abzuzocken, bettelnde Kinder zu verprügeln oder Touristen die Kameras wegzunehmen.

So wird hier die öffentliche Ordnung hergestellt und die Demokratie geschützt.

Die Männer und Frauen in Baku sehen zwar modisch und gepflegt aus, haben aber trotzdem alle eine Art Einheitslook. Kurze Hosen, Piercings oder gefärbte Haare sucht man vergebens.

Für uns Deutsche hatte das zur Folge das in unserer Nähe ständig halbstarke rumlungerten und irgendwelche Plakate abrissen oder gegen Schilder traten weil sie dachten unsere Anwesenheit würde die Uniformträger bremsen.

Allgemein waren wir ständig von Leuten umgeben die uns fotografierten, Sachen tauschen wollten oder Fragen über Deutschland hatten.

Zwar fühlen sich die Aseri stark mit der Türkei verbunden, haben aber aus welchen Gründen auch immer noch nicht vergessen wie die Wehrmacht sie im 2. Weltkrieg als vollwertige Soldaten behandelt hat und sie im Kampf gegen die verhassten Russen unterstützte.

Handybilder mit Hitler oder den Jahreszahlen aus der Zeit sind selbst bei Kindern völlig normal.

Extrem beliebt sind daher Özil, Nuri Sahin und Schweinsteiger, der aber wohl eher wegen seinem urigen Namen.

07.06.2011

Da das Spiel wegen der Übertragung nach Deutschland erst um 22:00 Ortszeit angepfiffen wurde blieb jede Menge Zeit um Baku zu sehen.

Die Innenstadt ist sehr sauber und wirklich was fürs Auge, auch die Promenade macht was her. Aber hier lauert das 3. und vielleicht schlimmste Übel:

Das Öl!

Direkt vor der Küste Bakus wird schon seit Sowjetzeiten in Riesenmengen Öl gefördert. Jetzt haben zwar Firmen wie BP das Kommando, aber die haben sich Aserbaidschan nicht wegen des tollen Wetter ausgesucht, sondern weil das Land in den Top 5 der korruptesten Staaten der Welt ist.

Also fördern sie unter ihren Bedingungen ohne irgendwelche Sicherheits- oder Umweltstandarts.

Die Südseite der Baku-Halbinsel sieht darum aus wie der Golf von Mexico oder Alaska nach der Exxon-Valdez Katastrophe.

Für jemanden der in Deutschland Müll trennt und von Solaranlagen umgeben ist sieht das natürlich aus wie in einem Horrorfilm.

Tagsüber trafen wir die Nationalmannschaftsanhänger von „Sector 11“ und auch Ultras von Inter Baku, die aber extrem freundlich waren und mit jeder Menge Hansa und CFC Aufklebern versorgt wurden.

Vor dem Stadion herrschte Volksfeststimmung. Es wurde nicht langsam eingelassen, sondern erst als alle da waren öffnete sich eine lange Reihe Cops und kontrollierte wie verrückt in einem Wahnsinnstempo.

Das Stadion war komplett ausverkauft und zusätzlich kletterten überall Leute über die Mauern.

Es gab keinen komplett deutschen Block, sondern eine Ecke, die mit Einheimischen gemischt war.

Das war aber kein Problem, so konnte man mal die ein oder andere Frage stellen, z.B. was „Berti raus!“ auf aserbaidschanisch heißt.

Die Gastgeber zeigten eine einfache aber gelungene Choreo aus Papptafeln in ihren Nationalfarben. Nach dem Tor von Huseynov wurde dann noch im „Sector 11“ und im Neftci Baku Block sehr gut gezündelt.

Nach dem Spiel präsentierte sich das Land wieder von seiner anderen, dunklen Seite.

Innerhalb weniger Minuten hatten die Polizisten die Zuschauer aus dem Stadion getrieben und probierten das ganze auch beim deutschen Anhang. Die Aseri in unserem Block waren extrem verängstigt und flehten uns an raus zu gehen. Als vor dem Block noch ein komplettes Armee-Bataillon aufmarschierte, war das der Anlass sich noch einmal hinzusetzen und eine Humba zu machen.

Das verwirrte und amüsierte die Ordnungsmacht aber so sehr, dass sie uns machen ließen und abzogen.

So hatten NB-Frank, Longer und die Kölner etwa eine Stunde nach Spielende noch die Chance auf dem Rasen Fotos zu machen und im VIP-Bereich einen Happen zu essen.

Irgendwann machten wir uns auf in die Innenstadt um da den Rest der Deutschen zu treffen.

Diese hatten sich aber den Club mit den übelsten Nutten und Messerstechern der Stadt ausgesucht.

Wir beschlossen daher ins Hostel zu fahren und unsere am Abend vorher erbeutete Whiskyflasche zu leeren und etwas früher zu schlafen. Daraus wurde natürlich wieder fünf Uhr morgens, aber egal.

Ist ja schließlich Urlaub…….

08.06.2011

Da wir ja Urlaub machen  wollten und uns schon vorher informiert hatten, musste unsere Begleiterin Fidan mit uns nördlich von Baku ans Kaspische Meer fahren.

Dort war der Strand sauber und die Badesaison hat noch nicht angefangen. Die Fahrt dorthin ging über die Dörfer rund um Baku und man sah allerlei komisches am Straßenrand.

Die Gegend direkt am Wasser erinnert stark an die Insel Usedom in den frühen 90er Jahren.

Nur Kiefernwald und lauter kleine Bungalows.

Obwohl unsere Begleiterin meinte das Wasser wäre noch viel zu kalt stürzten wir uns mehrmals hinein und ertrugen die geschätzten 19 Grad Wassertemperatur wie Männer.

Dass unsere geliebte Ostsee um diese Zeit maximal 14 Grad hat erzählten wir ihr natürlich nicht ; )

Flo und der Chemnitzer versuchten sich noch beim Beachsoccer gegen ein paar Einheimische Jungen, das sah aber allein schon wegen dem harten Ball mehr nach Rugby als nach Fußball aus.

Nach dem Badeausflug ging es zurück in die Stadt wo uns Fidan und Sabina in ein Schnellrestaurant führten in dem hauptsächlich Shaurma angeboten wird, eine Art Döner-Wrap mit extrem viel Knoblauchsosse.

Sehr lecker und sehr zu empfehlen vor langen Busfahrten oder einem Gespräch mit dem Chef.

Nach einem Stadtbummel durch das abendliche Baku in Richtung Präsidentenpalast mussten wir uns schweren Herzens von unseren Begleiterinnen verabschieden, da am nächsten Morgen die Abreise bevorstand.

09.06.2011

Nachdem wir 2 Tage niemanden in unserem Hostel gesehen hatten, war eigentlich klar dass wir nicht bezahlen werden. Aber überraschenderweise tauchte dann nachts doch noch der Betreiber auf.

Er lies aber gut mit sich handeln und fuhr uns auch noch um 05:00 zum Flughafen. Während in dem Viertel die meisten Leute mit den klapprigen Bussen oder uralten Ladas fuhren, hatte er einen neuen Toyota-SUV.

Diesen hatte er mit Sicherheit durch ehrliche Arbeit verdient.

Am Flughafen traf man dann viele bekannte Gesichter und hörte viele Geschichten die unserer sehr ähnelten.

Ein Teil der Kölner war in einem extrem runtergekommenen Hotel untergebracht mit verschimmelter Dusche und einem Loch im Fenster. Auf dem Boden waren Blut- und andere Flecken. Bezahlen durften sie dafür 105€ pro Nacht und pro Person!!!

Pünktlich um 07:20 hob unser Flieger ab und wir waren auf der einen Seite froh dass wir diesem kranken System entkommen sind. Es ist so ziemlich alles verboten gewesen was uns Spaß gemacht hat.

Auf der anderen Seite waren wir auch traurig dass wir so wenig Zeit hatten die äußerst netten Menschen und das sehr interessante Land besser kennen zu lernen.

Vielleicht hat die UEFA ja Verständnis für uns und lost öfter mal ein Spiel gegen Aserbaidschan aus.

Martin

Eine Antwort to “„Do you know Abilov Street?“”

  1. schischi Says:

    Bilder vom Beachsoccer sind online ;)!

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